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BIUZ: BIOLOGIE IN UNSERER ZEIT

Ökosystem Haus: Das System „Schimmel“ in Gebäuden

Autoren: Dr. Gerhard Führer | Dr. Sonja Stahl

In verschiedenen Klimaten an unterschiedlichsten Orten von der Antarktis bis in die Tropen werden weltweit Mikroorganismen untersucht, Arten beschrieben und gezählt, ihre Lebensgrundlagen erkundet und die Ökologie in ihren jewei­ligen Habitaten dargestellt. Im Gegensatz dazu sind Mikro­organismen in Gebäuden und die daraus entstehenden gebäudeinternen Ökosysteme bis heute weitgehend unbe­kannt. Das „geheime“ Leben im Haus existiert aber wirklich, auch wenn es sich mehrheitlich im Verborgenen abspielt – und es der Wohnungseigentümer aus nachvollziehbaren Gründen oftmals gar nicht so genau wissen will. Die viel­fältigen Schimmelpilz- und Bakterienarten sind ebenso wie Arthropoden (Gliederfüßer) bezüglich ihrer Vielfalt und den damit verbundenen Anpassungsstrategien nahezu überall auf der Welt nachweisbar. Warum also sollten die von uns errichteten künstlichen Umwelten namens Gebäude frei von Lebewesen sein? Nachfolgend werden die Relevanz des Ökosystems Haus aufgezeigt, seine Bedeutung für die Ge­sundheit erläutert und erste Einblicke in bautechnische und versicherungsrechtliche Grundlagen gegeben. Zusammen­ fassend betrifft das System „Schimmel“ jeden von uns in verschiedensten Lebenslagen ganz persönlich.

Von Höhlen, Zelten und Hütten aus pflanzlichem Material über die ersten Steingebäude im frucht­baren Halbmond des Nahen Ostens vor ca. 12.000 Jahren bis hin zu den Megastädten und Hochhausgiganten der aktuellen Zeit leben Menschen in abgegrenzten Räumen. Dementsprechend haben sich „Mitbewohner“ des Men­schen eingestellt und mehr oder weniger gut an dessen Gebäude und dem darin stattfindenden „Leben“ angepasst. Gegen die ehemaligen Plagegeister wie Bettwanzen und Flöhe wurden mittlerweile Strategien entwickelt, um diese „außen vor zu lassen“. Unabhängig davon beginnt die (universitäre) Forschung erst allmählich, sich für die von Menschen gebauten Innenraumwelten von heute zu interessieren.

Bereits während der Bauphase gelangen Organismen aus dem Freiland ins Innere von Gebäuden. In der Nut­zungsphase können sie durch Öffnungen in der Gebäude­ hülle eindringen. Im Hinblick auf die üblicherweise vor­ liegenden Umgebungsbedingungen (trocken, warm) der in den letzten Jahrzehnten errichteten Gebäude können sich in diesen (im Vergleich zum Freiland) aber nur wenige Arten etablieren. Winkelspinnen, Stuben­ und Fruchtfliegen sind bekannte Beispiele für die intramurale Arthropoden­ gemeinschaft. Werden Schimmelpilz­ und Bakteriensporen in Innenräume eingetragen, fehlen meist feuchte Lebens­ grundlagen, damit diese auswachsen und ihre Entwicklungs­zyklen durchlaufen können. Ändern sich aber die klima­tischen Innenraumbedingungen z. B. im Rahmen eines Wasserschadens, dann kommt es zu einem bisher weitge­hend unbekannten und bis jetzt unbeachteten Artenzu­wachs im Gebäude. Eine Besiedelung findet statt.

Durch Gebäude wurde weltweit mittlerweile eine be­achtliche Menge an neuem Lebensraum geschaffen. Vergleicht man die Fläche der Wohnungen in einer Stadt mit der Fläche des Stadtgebietes, bietet sich in Wohnungen im Vergleich zur freien Natur ein Riesenareal für alle Lebewesen (Abbildung 1). So beträgt beispielsweise die unverbaute Landfläche von dem New Yorker Stadtteil Manhattan mit 59 km² nur noch etwa 1/3 der Fläche der geschätzten Wohn­ und Geschäftsräume (172 km²). Be­merkenswert ist, dass diese „Überbauung“ innerhalb von ca. 300 Jahren stattgefunden hat und damit in einer für evolutionäre Verhältnisse extrem kurzen Zeitspanne. Zu­ dem ist bis heute unklar, ob die Regeln für natürliche Öko­systeme auch für die gebauten „Kunstwelten“ gelten, in denen wir uns die meiste Zeit unseres Lebens aufhalten (mittlerweile ca. 90 %).

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