Unser irrationaler Umgang mit Schimmel

Verborgener Schimmel, verzerrte Wahrnehmung: Warum wir Risiken am Bau unterschätzen

Schimmel im Keller oder gar in unserer Wohnung – Hand aufs Herz, das ist ein Thema, über das wir uns nur ungern Gedanken machen. Und gerade deshalb ist unser Umgang damit, insbesondere dann, wenn Schimmel (noch) unsichtbar ist, meist weniger rational als wir glauben.

Zwischen Wahrnehmung und Realität

Wenn wir uns nicht logisch verhalten, stellt sich die Frage: Verhält sich unser Denken dann wenigstens psychologisch nachvollziehbar? Prof. Dr. Frank Schwab, Medienpsychologe an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, sprach über dieses Thema beim 8. Würzburger Schimmelpilz-Forum.

Er stellte sich provokanten Fragen: Ist unsere Beziehung zu Schimmel in erster Linie emotional? Verzerren psychologische Mechanismen unsere Wahrnehmung von Schadfaktoren am Bau? Welche kognitiven Verzerrungen kennt die Psychologie und wie wirken sie? Oder geht es schlicht um fehlerhafte Risikowahrnehmungen? Und schließlich: Wie beeinflussen Medien unsere Einschätzungen – und wie nutzen wir diese Informationen selbst, um uns unsere eigene Realität zu konstruieren?

Emotionen und Überzeugungen: Warum wir Schimmel unterschätzen

Schwab beleuchtete anschaulich die Rolle von Emotionen. Sie steuern unser Denken, Urteilen, Entscheiden und unser Handeln. Emotionen sind Kultur übergreifende, komplexe Verhaltensmuster, die sich über die Evolution gebildet haben. So löst ein Schimmelpilzbefall auf Lebensmitteln instinktiv Ekel aus – ein Schutzmechanismus, der evolutionär sinnvoll ist.

Deutlich anders verhält es sich bei Schadfaktoren in Gebäuden. Hier bleiben unsere Emotionen oft aus. Der Grund hierfür ist, dass Häuser evolutionär betrachtet ein junges Phänomen sind. Wir haben noch keine tief verankerte Sensibilität für Gefahren wie Schimmel in Innenräumen entwickelt.

Dazu kommt die Macht unserer Überzeugungen. Haben wir die einmal gebildet, halten wir häufig an ihnen fest, selbst wenn neue Informationen sie widerlegen oder sie sich als unzureichend begründet herausstellen.

Fehlentscheidungen in komplexen Situationen

Entscheidungen treffen wir tagtäglich, von einfachen Fragen wie „Kaffee oder Tee zum Frühstück?“ bis hin zu komplexen Herausforderungen wie der Anschaffung eines neuen Autos. Idealerweise sollten wir bei diesen Entscheidungen über genügend Zeit und Informationen verfügen, um die Vor- und Nachteile gründlich abzuwägen.

Doch tatsächlich ist das in der Praxis eher selten der Fall. Bei knapper Zeit, begrenztem Wissen oder fehlender Motivation greifen wir auf Heuristiken zurück. Einfache Faustregeln, die uns schnelle Entscheidungen ermöglichen. Oder Tipps, von vermeintlichen Experten, deren Kompetenz zu hinterfragen Zeit erfordern würde, die wir gerade nicht investieren möchten oder können.

Bei alltäglichen Problemen funktionieren diese Strategien oftmals sehr gut. Bei komplexen, unsichtbaren Gefahren wie verdecktem Schimmel kann dieselbe Vereinfachung jedoch zu fatalen Fehlentscheidungen führen.

Unser Tipp!

Lesen Sie hierzu „Schimmel & Psychologie – Realitätsverzerrungen am Bau“.